Eistee statt Limo: Drei Kräutertee-Rezepte für heiße Tage
In Marrakesch wird nachmittags kein Kaffee aufgebrüht, sondern Tee. Auf der Djemaa el-Fna stehen die Gläser voller heißem Minztee, während das Thermometer locker die 35-Grad-Marke knackt. Niemand findet das seltsam. Nur bei uns hat sich irgendwann die Idee festgesetzt, Tee gehöre unter eine Decke und nicht ins Eisfach.
Dass Kräutertee gerade wirklich ein Comeback erlebt, haben wir an anderer Stelle schon ausführlich aufgeschrieben. Was dabei gern untergeht: Dieses Comeback macht im Frühling keine Pause. Kalt aufgegossen oder als Eistee zubereitet, ist Kräutertee eine der unterschätztesten Alternativen zu Limonade und Co. – ganz ohne Zuckerzusatz, künstliche Aromen oder Farbstoffe.
Warum Limo nach einer Stunde wieder vergessen ist
Ein Glas Limonade schmeckt im ersten Moment gut. Süß, kalt, erfrischend. Eine Stunde später ist von der Erfrischung meist nicht mehr viel da – nur der Zucker, der mitgetrunken wurde, bleibt. Kräutertee tickt anders. Je nach Pflanze entstehen beim kalten Aufguss eigenständige, oft überraschend komplexe Aromen: fruchtig-säuerlich bei Hibiskus, zitronig-frisch bei Melisse, süßlich-mentholig bei Marokkanischer Minze. Mehr braucht so ein Glas nicht – Wasser, Kräuter, etwas Zeit im Kühlschrank.
Drei kalte Kräutertees für den Sommer
Marokkanische Minze Eistee mit Limette
In Marokko trinkt man sie heiß, stark gesüßt, aus kleinen bunten Gläsern. Kalt aufgegossen zeigt Marokkanische Minze (Mentha spicata var. nana) eine andere Seite: süßlich-frisch, fast ein bisschen mentholig, ohne die Schärfe von klassischer Pfefferminze. Die unkomplizierteste der drei Rezepte hier – und ehrlich gesagt meist auch die beliebteste.
Zutaten (für 1 Liter):
- 2 EL Marokkanische Minze
- 1 Liter Wasser
- 1 Bio-Limette (oder Zitrone)
- Eiswürfel
- optional: 1 TL Honig
Zubereitung:
- Wasser aufkochen und über die Minze gießen.
- 8–10 Minuten ziehen lassen, dann abseihen.
- Vollständig abkühlen lassen.
- Limettenscheiben dazugeben, mindestens 2 Stunden im Kühlschrank durchziehen lassen.
- Mit Eiswürfeln servieren.
Tipp aus der Praxis: Ein paar Brennnesselblätter lassen sich gut dazugeben – mild im Geschmack, und beide Kräuter ergänzen sich überraschend harmonisch im Glas. Wer mehr über die Pflanze, die niemand pflanzen musste wissen will: Wir haben ihr einen eigenen Artikel gewidmet.

Hibiskus-Eistee mit Orange
Karminrot, fruchtig-herb, mit einer Säure, die an reife Cranberrys erinnert – Hibiskus (Hibiscus sabdariffa) ist optisch der Showstopper unter den drei Rezepten. Wer Gäste beeindrucken will, stellt genau dieses Glas auf den Tisch.
Zutaten (für 1 Liter):
- 3 EL Hibiskusblüten
- 1 Liter Wasser
- 1 Bio-Orange
- Eiswürfel
- optional: etwas Agavendicksaft
Zubereitung:
- Wasser aufkochen, Hibiskusblüten übergießen.
- 10 Minuten ziehen lassen, abseihen.
- Vollständig abkühlen lassen.
- Orangenscheiben hinzugeben, kalt stellen.
- Mit Eiswürfeln servieren.
Tipp: Statt Eiswürfeln gefrorene Himbeeren ins Glas geben. Kühlt genauso gut, bringt aber zusätzlich Frucht mit ins Aroma.
Bio-Melisse Cold Brew mit Gurke
Melisse ist die Empfindlichste der drei. Heiß aufgegossen kippt ihr feiner Zitronenduft schnell ins Bittere – deshalb bekommt sie hier die Cold-Brew-Behandlung. Statt mit heißem Wasser übergossen zu werden, zieht Melisse, auch Zitronenmelisse genannt (Melissa officinalis), direkt im kalten Wasser. Stundenlang, ohne Hitze, ohne Bitterstoffe.
Zutaten (für 1 Liter):
- 3 EL Melissenblätter
- 1 Liter kaltes Wasser
- ein paar Gurkenscheiben (optional)
- Eiswürfel
Zubereitung:
- Melisse direkt in eine Karaffe mit kaltem Wasser geben.
- 6–8 Stunden im Kühlschrank ziehen lassen, am besten über Nacht.
- Abseihen.
- Mit Gurkenscheiben und Eiswürfeln servieren.
Cold Brew funktioniert übrigens auch mit Hibiskus oder Minze. Bei Melisse lohnt es sich nur am meisten, weil ihr Aroma sich so am saubersten zeigt – ganz ohne den leicht bitteren Unterton, den heißes Wasser sonst herauskitzelt.
Häufige Fragen zu Eistee und kaltem Kräutertee
Kann man Kräutertee auch kalt trinken?
Ja, sogar besonders gut. Viele Kräuter wie Marokkanische Minze, Hibiskus oder Melisse entfalten beim Cold Brew oder als klassischer Eistee ein anderes Aroma als im heißen Aufguss – oft runder, manchmal überraschend intensiver. Aus unserer Erfahrung gilt: Wer ein Kraut nur heiß probiert hat, kennt eigentlich nur die Hälfte seines Geschmacks. Gerade im Sommer lohnt sich der zweite Versuch kalt, einfach mal ausprobieren.
Was unterscheidet Cold Brew von einem klassischen Aufguss?
Beim klassischen Aufguss übergießt du die Kräuter mit heißem Wasser und lässt sie ziehen. Beim Cold Brew kommen die Kräuter direkt ins kalte Wasser und ziehen mehrere Stunden im Kühlschrank, meist über Nacht. Das Ergebnis schmeckt oft milder und weniger herb, weil sich bestimmte Bitterstoffe bei kalter Temperatur langsamer lösen. Für empfindliche Aromen wie Melisse ist das fast immer die bessere Methode – bei kräftigeren Kräutern macht es weniger Unterschied.
Muss selbstgemachter Eistee gesüßt werden?
Nein, nicht zwingend. Hibiskus bringt von Natur aus eine fruchtige Säure mit, Marokkanische Minze wirkt durch ihre Frische schon recht ausgewogen im Geschmack. Wer es trotzdem süßer mag, kann mit etwas Honig oder Agavendicksaft nachhelfen, ganz ohne raffinierten Zucker. Wir greifen meistens gar nicht zum Süßungsmittel – das ist aber Geschmackssache, keine feste Regel.
Wie lange hält sich selbstgemachter Kräuter-Eistee?
Im Kühlschrank, gut verschlossen, in der Regel zwei bis drei Tage. Danach verliert er vor allem an Frische im Geschmack, auch wenn er nicht direkt ungenießbar wird. Am besten schmeckt er ohnehin frisch angesetzt – ein guter Grund, immer nur so viel zuzubereiten, wie in den nächsten ein bis zwei Tagen auch wirklich getrunken wird.
Vielleicht ist die eigentliche Frage gar nicht, ob Tee in den Sommer passt. Sondern warum so viele von uns das überhaupt je infrage gestellt haben. In Marrakesch hat sich diese Frage nie gestellt.